Nachhaltigkeit

Warum CO₂ von Anfang an in Ihre Product Cost Analysis gehört


Für die meisten Technologieplaner lagen CO₂-Emissionen historisch außerhalb der Kostenkalkulation. Das ändert sich rasant. EU-Regulierungen geben CO₂ einen realen Preis, und dieser Preis steigt. Die Lücke zwischen der regulatorischen Entwicklung und dem, was die meisten Planungsprozesse heute berücksichtigen, schließt sich schneller, als viele Teams erwarten. 

Beim Tset Summit 2025 in München brachten wir Führungskräfte aus der Fertigungsindustrie, Cost Engineers und Forschende zusammen, um die Schnittstelle zwischen Cost Engineering und Nachhaltigkeit zu beleuchten. Eine der herausragenden Sessions kam von Prof. Dr. Jana Backesvon der RWTH Aachen University. Ihr Vortrag „Emissions in Technology Planning: The Relevance of a Standardized Sustainability Assessment“ machte deutlich, dass CO₂-Emissionen längst nicht mehr nur ein Umweltthema sind. Sie sind ein Kostenfaktor, den Technologieplaner nicht länger ignorieren können. 

Lesen Sie hier die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Session.

Emissionen werden zur wirtschaftlichen Realität 

Prof. Backes eröffnete mit einer klaren Botschaft: Sustainability Assessment hat die rein ökologische Dimension verlassen und ist zu einem finanziellen Thema geworden. 

Nachhaltigkeit ist längst nicht mehr nur ein ökologisches Thema oder eine private Angelegenheit von Menschen, die sich für Nachhaltigkeit interessieren. Sie wird zunehmend zu einem wirtschaftlichen Faktor und gewinnt immer mehr an Bedeutung für die Technologieplanung und für Kosteneffizienz.

 

Regulatorische Rahmenwerke wie das EU Emissions Trading System (EU-ETS) und der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) bepreisen CO₂ bereits entlang der Supply Chain. Zum Zeitpunkt des Summits lag der EU-ETS-Preis bei rund 55 € pro Tonne CO₂, mit Prognosen von bis zu 120 € pro Tonne und einer vollständigen Emissionsbepreisung ab 2034.

Presentation slide explaining EU-ETS and CBAM regulations with a chart showing projected CO₂ price increases over time.

Diese Entwicklung hat direkte Auswirkungen auf die Product Cost Analysis. Emissionskosten erscheinen häufig nicht als eigene Position in der Kalkulation, wandern jedoch entlang der Value Chain und werden zunehmend als konkreter Kostenfaktor für Komponenten sichtbar.

Der Break-even, der Technologieentscheidungen verändert

Um ihre Argumentation zu untermauern, stellte Prof. Backes zwei Technologien mit identischem funktionalem Output gegenüber.

Presentation slide showing cost comparison of two technologies under rising CO₂ prices, including assumptions and break-even analysis.

Technology A hat Basiskosten von 473 €, während Technology B 673 € kostet. Betrachtet man nur die Basiskosten, scheint die Entscheidung eindeutig: A wählen. Bezieht man jedoch Produktions­emissionen und Recyclinggutschriften am Ende des Lebenszyklus mit ein, ergibt sich ein anderes Bild. Technology A weist eine Netto-Emissionslast von 5,5 Tonnen CO₂ auf, gegenüber 2,5 Tonnen bei Technology B. Bei einem CO₂-Preis von 67 € pro Tonne, nur geringfügig über dem aktuellen Niveau, erreichen beide Technologien den Break-even. Oberhalb dieses Schwellenwerts wird Technology B über den gesamten Lifecycle betrachtet zur weniger kostenintensiven Option.

Steigende CO₂-Preise verändern Technologieentscheidungen. Präzise CO₂-Bilanzen werden für die Planung unerlässlich.

 

Dieses Beispiel verdeutlicht, warum Product Costing über reine Produktionskosten hinausgehen und Lifecycle Thinking einbeziehen muss. Früh getroffene Entscheidungen bieten den größten Hebel. Je später im Lifecycle gehandelt wird, desto geringer ist die Möglichkeit, die Gesamtkosten zu beeinflussen.

Das Problem: LCA-Ergebnisse sind nicht vergleichbar 

Lifecycle Assessment (LCA) ist die etablierte Methode zur Bewertung der Umweltwirkungen über den gesamten Lifecycle eines Produkts hinweg, von der Rohstoffgewinnung bis zum End-of-Life. Prof. Backes erläuterte, warum LCA-Ergebnisse trotz ISO-Normen und breiter Anwendung häufig nicht zuverlässig zwischen Unternehmen oder sogar innerhalb derselben Organisation vergleichbar sind.

Drei Herausforderungen stechen besonders hervor:

1. Datenvariabilität

Die gleiche Stahlcoil weist in einer Datenbank (Ecoinvent v3.9) einen Carbon Footprint von 1,69 kg CO₂e pro Kilogramm auf und in einer anderen 1,98 kg CO₂e. Hochgerechnet auf ein komplettes Fahrzeug oder eine Maschine ist diese Differenz erheblich.

2. Methodische Unterschiede

Impact Assessment-Methoden bewerten Treibhausgase unterschiedlich. Unter der ReCiPe-Methode wird Methan mit dem 36-fachen der Wirkung von CO₂ gewichtet. Unter CML-IA liegt dieser Faktor bei 28. Zwei Unternehmen können bei der Bewertung derselben Komponente zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, ohne dass eines von beiden falsch liegt.

3. Tool-Fragmentierung

Viele Unternehmen verlassen sich bei der Berechnung des Carbon Footprint weiterhin auf Excel. Für einen einfachen Product Carbon Footprint mag das ausreichen. Für Multi-Indicator-Bewertungen, die Versauerung, Eutrophierung oder Ozonabbau berücksichtigen, ist das nicht ausreichend. Ohne gemeinsame Tools und transparente Methodik wird ein unternehmensübergreifender Vergleich unzuverlässig.

Wenn nicht offiziell kommuniziert wird, was genau gemacht wurde und welche Methoden oder Daten verwendet wurden, ist Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben. Dann können wir auch jede Umweltbewertung und jede Bepreisung von CO₂-Emissionen infrage stellen.

 

Der Weg nach vorn: Standardisierung und Integration 

Zum Abschluss formulierte Prof. Backes einen klaren Handlungsaufruf an die Industrie. Die Standardisierung der LCA-Methodik, die Integration von Carbon Accounting in ERP-Systeme sowie der Einsatz von AI und Machine Learning zur Verbesserung von Datenqualität und -konsistenz sind zentrale Schritte, um Sustainability Assessment skalierbar, glaubwürdig und vergleichbar zu machen. 

Die Konvergenz von Cost Engineering und Carbon Accounting ist kein Zukunftsszenario mehr. Sie findet bereits statt. Die entscheidende Frage für Cost Engineers, Procurement-Teams und Technologieplaner lautet, ob ihre Tools und Prozesse diese Realität bereits abbilden. 

Möchten Sie die komplette Session ansehen?

Die vollständige Aufzeichnung des Vortrags von Prof. Jana Backes vom Tset Summit 2025 finden Sie auf unserer Website. Sehen Sie sich hier die vollständige Aufzeichnung an.

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Was ist das EU Emissions Trading System (EU-ETS) und wie beeinflusst es das Product Costing?

Das EU-ETS ist ein regulatorischer Rahmen, der Unternehmen in energieintensiven Branchen verpflichtet, für jede emittierte Tonne CO₂ Zertifikate zu erwerben. Für Hersteller bedeutet das, dass Emissionen zunehmend in die Komponentenkosten entlang der Supply Chain einfließen, selbst wenn sie nicht als eigene Kostenposition ausgewiesen sind. Bei aktuellen Preisniveaus von rund 55 € pro Tonne CO₂ ist der Effekt bereits messbar. Mit einer vollständigen Emissionsbepreisung ab 2034 und prognostizierten Preisen von bis zu 120 € pro Tonne wird CO₂ zu einem wesentlichen Faktor jeder ernsthaften Product Cost Analysis.

Warum sollten CO₂-Emissionen von Anfang an in die Technologieplanung einbezogen werden?

Die Möglichkeit, sowohl Kosten als auch Emissionen zu beeinflussen, nimmt deutlich ab, je später im Produktlebenszyklus eine Entscheidung getroffen wird. Werden CO₂-Preise frühzeitig neben Produktionskosten und End-of-Life-Aspekten berücksichtigt, können Technologieentscheidungen völlig anders ausfallen. Wie Prof. Backes auf dem Tset Summit 2025 zeigte, kann eine Technologie, die auf Basis der reinen Produktionskosten günstiger erscheint, unter Berücksichtigung von Lifecycle-Emissionen und steigenden CO₂-Preisen zur teureren Option werden.

Was ist Lifecycle Assessment (LCA) und warum ist es für Cost Engineers relevant?

Lifecycle Assessment ist eine standardisierte Methode zur Bewertung der Umweltwirkungen eines Produkts, Prozesses oder Materials über den gesamten Lifecycle hinweg, von der Rohstoffgewinnung bis zum End-of-Life. Für Cost Engineers gewinnt LCA direkt an Bedeutung, da CO₂-Emissionen inzwischen regulatorisch bepreist werden. Zu verstehen, wo entlang des Lifecycles Emissionen entstehen, ist der erste Schritt für eine präzise Carbon Cost Planning und eine wettbewerbsfähigere Produktkalkulation.

Warum sind LCA-Ergebnisse zwischen Unternehmen häufig nicht vergleichbar?

Zwei Hauptfaktoren führen zu Inkonsistenzen. Erstens weisen unterschiedliche Emissionsdatenbanken denselben Materialien unterschiedliche CO₂-Äquivalent-Werte zu. Die gleiche Stahlcoil ergibt beispielsweise 1,69 kg CO₂e pro Kilogramm in einer Datenbank und 1,98 kg CO₂e in einer anderen. Zweitens gewichten Impact Assessment-Methoden Treibhausgase unterschiedlich. Methan wird unter der ReCiPe-Methode als 36-mal so wirksam wie CO₂ bewertet, unter CML-IA hingegen nur 28-mal. Ohne einen standardisierten Ansatz bleibt der unternehmensübergreifende Vergleich von Carbon Footprints unzuverlässig, was die Bepreisung von CO₂ in Lieferantenverhandlungen oder RFQ-Prozessen erschwert.

Kann Product Costing Software dabei helfen, CO₂-Daten in Kostenkalkulationen zu integrieren?

Ja. Spezialisierte Product Costing Software, die Kosten- und Carbon Footprint-Daten in einer einzigen Berechnung kombiniert, verschafft Cost Engineers die notwendige Transparenz für fundierte Technologieentscheidungen. Tset berechnet standardmäßig sowohl Kosten als auch CO₂-Output mit jedem Ergebnis. Dadurch wird die von Prof. Backes beschriebene Lifecycle Cost Analysis möglich, ohne zwischen getrennten Tools wechseln oder sich auf Excel-basierte Carbon-Berechnungen verlassen zu müssen.

Was ist der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) und wen betrifft er?

CBAM ist eine EU-Regulierung, die die CO₂-Bepreisung auf importierte Güter ausweitet, um faire Wettbewerbsbedingungen für EU-Hersteller zu schaffen. Sie betrifft energieintensive Sektoren wie Eisen und Stahl, Zement, Aluminium, Strom und Wasserstoff. Für Procurement-Teams, die Komponenten außerhalb der EU sourcen, bedeutet CBAM, dass die Carbon Intensity der Lieferantenproduktion zunehmend direkte Kostenauswirkungen hat. Damit wird der Carbon Footprint neben Preis und Qualität zu einem zentralen Kriterium im Procurement.

 

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