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CO₂ in der Produktkostenanalyse: Warum es von Anfang an zählt | Tset

Geschrieben von Maria Skvoznova | Feb 24, 2026 10:37:32 AM

Für die meisten Technologieplaner lagen CO₂-Emissionen historisch außerhalb der Kostenkalkulation. Das ändert sich rasant. EU-Regulierungen geben CO₂ einen realen Preis, und dieser Preis steigt. Die Lücke zwischen der regulatorischen Entwicklung und dem, was die meisten Planungsprozesse heute berücksichtigen, schließt sich schneller, als viele Teams erwarten. 

Beim Tset Summit 2025 in München brachten wir Führungskräfte aus der Fertigungsindustrie, Cost Engineers und Forschende zusammen, um die Schnittstelle zwischen Cost Engineering und Nachhaltigkeit zu beleuchten. Eine der herausragenden Sessions kam von Prof. Dr. Jana Backesvon der RWTH Aachen University. Ihr Vortrag „Emissions in Technology Planning: The Relevance of a Standardized Sustainability Assessment“ machte deutlich, dass CO₂-Emissionen längst nicht mehr nur ein Umweltthema sind. Sie sind ein Kostenfaktor, den Technologieplaner nicht länger ignorieren können. 

Lesen Sie hier die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Session.

Emissionen werden zur wirtschaftlichen Realität 

Prof. Backes eröffnete mit einer klaren Botschaft: Sustainability Assessment hat die rein ökologische Dimension verlassen und ist zu einem finanziellen Thema geworden. 

 

Regulatorische Rahmenwerke wie das EU Emissions Trading System (EU-ETS) und der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) bepreisen CO₂ bereits entlang der Supply Chain. Zum Zeitpunkt des Summits lag der EU-ETS-Preis bei rund 55 € pro Tonne CO₂, mit Prognosen von bis zu 120 € pro Tonne und einer vollständigen Emissionsbepreisung ab 2034.

Diese Entwicklung hat direkte Auswirkungen auf die Product Cost Analysis. Emissionskosten erscheinen häufig nicht als eigene Position in der Kalkulation, wandern jedoch entlang der Value Chain und werden zunehmend als konkreter Kostenfaktor für Komponenten sichtbar.

Der Break-even, der Technologieentscheidungen verändert

Um ihre Argumentation zu untermauern, stellte Prof. Backes zwei Technologien mit identischem funktionalem Output gegenüber.

Technology A hat Basiskosten von 473 €, während Technology B 673 € kostet. Betrachtet man nur die Basiskosten, scheint die Entscheidung eindeutig: A wählen. Bezieht man jedoch Produktions­emissionen und Recyclinggutschriften am Ende des Lebenszyklus mit ein, ergibt sich ein anderes Bild. Technology A weist eine Netto-Emissionslast von 5,5 Tonnen CO₂ auf, gegenüber 2,5 Tonnen bei Technology B. Bei einem CO₂-Preis von 67 € pro Tonne, nur geringfügig über dem aktuellen Niveau, erreichen beide Technologien den Break-even. Oberhalb dieses Schwellenwerts wird Technology B über den gesamten Lifecycle betrachtet zur weniger kostenintensiven Option.

 

Dieses Beispiel verdeutlicht, warum Product Costing über reine Produktionskosten hinausgehen und Lifecycle Thinking einbeziehen muss. Früh getroffene Entscheidungen bieten den größten Hebel. Je später im Lifecycle gehandelt wird, desto geringer ist die Möglichkeit, die Gesamtkosten zu beeinflussen.

Das Problem: LCA-Ergebnisse sind nicht vergleichbar 

Lifecycle Assessment (LCA) ist die etablierte Methode zur Bewertung der Umweltwirkungen über den gesamten Lifecycle eines Produkts hinweg, von der Rohstoffgewinnung bis zum End-of-Life. Prof. Backes erläuterte, warum LCA-Ergebnisse trotz ISO-Normen und breiter Anwendung häufig nicht zuverlässig zwischen Unternehmen oder sogar innerhalb derselben Organisation vergleichbar sind.

Drei Herausforderungen stechen besonders hervor:

1. Datenvariabilität

Die gleiche Stahlcoil weist in einer Datenbank (Ecoinvent v3.9) einen Carbon Footprint von 1,69 kg CO₂e pro Kilogramm auf und in einer anderen 1,98 kg CO₂e. Hochgerechnet auf ein komplettes Fahrzeug oder eine Maschine ist diese Differenz erheblich.

2. Methodische Unterschiede

Impact Assessment-Methoden bewerten Treibhausgase unterschiedlich. Unter der ReCiPe-Methode wird Methan mit dem 36-fachen der Wirkung von CO₂ gewichtet. Unter CML-IA liegt dieser Faktor bei 28. Zwei Unternehmen können bei der Bewertung derselben Komponente zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, ohne dass eines von beiden falsch liegt.

3. Tool-Fragmentierung

Viele Unternehmen verlassen sich bei der Berechnung des Carbon Footprint weiterhin auf Excel. Für einen einfachen Product Carbon Footprint mag das ausreichen. Für Multi-Indicator-Bewertungen, die Versauerung, Eutrophierung oder Ozonabbau berücksichtigen, ist das nicht ausreichend. Ohne gemeinsame Tools und transparente Methodik wird ein unternehmensübergreifender Vergleich unzuverlässig.

 

Der Weg nach vorn: Standardisierung und Integration 

Zum Abschluss formulierte Prof. Backes einen klaren Handlungsaufruf an die Industrie. Die Standardisierung der LCA-Methodik, die Integration von Carbon Accounting in ERP-Systeme sowie der Einsatz von AI und Machine Learning zur Verbesserung von Datenqualität und -konsistenz sind zentrale Schritte, um Sustainability Assessment skalierbar, glaubwürdig und vergleichbar zu machen. 

Die Konvergenz von Cost Engineering und Carbon Accounting ist kein Zukunftsszenario mehr. Sie findet bereits statt. Die entscheidende Frage für Cost Engineers, Procurement-Teams und Technologieplaner lautet, ob ihre Tools und Prozesse diese Realität bereits abbilden. 

 

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