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Die versteckte Variabilität eines Carbon Footprints | Beyond Cost

Geschrieben von Maria Skvoznova | Jun 3, 2026 8:48:23 AM

Bitten Sie zwei Analysten, den Carbon Footprint derselben Stahlcoil zu berechnen. Trotz identischem Produkt, derselben ISO-14067-Norm und derselben Auditorenfreigabe können die beiden Ergebnisse um mehr als 35 % voneinander abweichen. Und beide lassen sich als korrekt verteidigen.

Diese Abweichung ist strukturell bedingt. Die Methodik der Life Cycle Assessment (LCA) wurde bewusst so aufgebaut, dass Anwender:innen einen großen Interpretationsspielraum haben. Für Einkaufsleiter:innen, Cost Engineers und CFOs, deren Entscheidungen zunehmend von einer einzelnen CO₂-Kennzahl abhängen, ist genau das inzwischen zu einem wirtschaftlichen Problem geworden. CO₂ ist längst nicht mehr nur ein Reporting-Wert. Durch dasEU-Emissionshandelssystem (EU ETS) und den Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) fließen Emissionskosten bereits heute durch europäische Lieferketten. Eine Abweichung von 35 % im Report bedeutet damit auch eine Abweichung von 35 % bei den weitergegebenen Kosten.

In einer aktuellen Folge des Beyond Cost Podcasts erklärte Prof. Dr. Jana Backes, Juniorprofessorin für Safety, Security and Sustainability Evaluations in Foresight Research an der SAF RWTH Aachen University, warum ein und dasselbe Produkt so unterschiedliche Footprints aufweisen kann und wie die Industrie darauf reagieren sollte.

Die Methodik erzeugt die Abweichung 

Die Life Cycle Assessment (LCA), also die Methodik hinter jedem Product Carbon Footprint, basiert auf der ISO-14040-Normenfamilie. Die Norm definiert zwar die Struktur einer Bewertung, lässt den Anwender:innen jedoch Spielraum bei der Auswahl von Datenquellen, der Festlegung von Systemgrenzen und der Wahl der Impact-Assessment-Methodik. Genau diese Entscheidungen, die alle normkonform und fachlich vertretbar sind, erzeugen die Abweichungen. 

Wie Dr. Backes im Podcast erklärte: 

 

 

Drei Faktoren treiben diese Unterschiede maßgeblich. Erstens die Datenbasis: Nur wenige Hersteller verfügen über Primärdaten für jeden Schritt ihrer Wertschöpfungskette. Fehlende Informationen werden daher mit Sekundärdatenbanken ergänzt. Zwei Analyst:innen können dabei unterschiedliche Datensätze für denselben Prozess auswählen und trotzdem vollständig normkonform arbeiten. Zweitens die Systemgrenzen: Ob ein Carbon Footprint als „Cradle-to-Gate“-Betrachtung erstellt wird oder den gesamten Lebenszyklus bis zum End-of-Life umfasst, bestimmt, welche Emissionen überhaupt im Modell berücksichtigt werden. Zusätzlich können Gutschriften für Recycling einen erheblichen Anteil der vorgelagerten Emissionen kompensieren, wobei deren Höhe je nach gewähltem Bewertungsansatz unterschiedlich ausfallen kann. Drittens die Impact-Assessment-Methodik: Unterschiedliche Frameworks berücksichtigen unterschiedliche Treibhausgase und gewichten diese unterschiedlich. Dadurch kann sich das finale Ergebnis verändern, obwohl sich an den physikalischen Gegebenheiten nichts geändert hat. Laut Dr. Backes hat dabei insbesondere die Datenauswahl den größten Einfluss.

Am Ende bleibt eine Kennzahl, die zwar normkonform und fachlich vertretbar ist, jedoch nicht direkt mit dem Wert vergleichbar ist, den ein Lieferant oder Wettbewerber für dasselbe Produkt unter anderen Annahmen berechnen würde.

Warum das inzwischen ein Einkaufsproblem ist 

Über Jahre hinweg war CO₂ vor allem eine Reporting-Pflicht außerhalb des Einkaufs. Das ändert sich jetzt. Mit der Einführung von CBAM und der Weitergabe von ETS-Kosten entlang europäischer Lieferketten trägt jede Tonne CO₂ in einer Stückliste zunehmend direkte Kosten, die Lieferanten bereits heute in ihre Preise einkalkulieren. Geopolitische Entwicklungen und allgemeine wirtschaftliche Veränderungen verstärken diesen Effekt zusätzlich und erhöhen den Druck auf emissionsbezogene Kosten weit über regulatorische Fristen hinaus.

Die Empfehlung von Dr. Jana Backes an Einkaufsleiter:innen ist dabei eindeutig:

 

 

Dieselbe Logik gilt auch für Forecasts. Kostenprognosen für das kommende Jahr oder einen Zeitraum von fünf Jahren sollten Emissionskosten über neue Technologien, neue Produktdesigns und End-of-Life-Szenarien hinweg berücksichtigen. Für Unternehmen, die den Carbon Footprint ihrer Zukaufteile bislang nie berechnet haben, ähnelt der Einstieg stark einer klassischen Cost-Engineering-Aufgabe. Die erforderlichen Daten sind häufig bereits im Unternehmen vorhanden, beispielsweise in Form von Energieverträgen oder Prozessdokumentationen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die Wertschöpfungskette über den Tier-1-Lieferanten hinaus abzubilden, denn genau dort endet oft die Transparenz. Ein pragmatischer Ausgangspunkt ist es, beispielsweise mit den teuersten Zukaufteilen zu beginnen und von dort aus die wichtigsten Energiequellen, Prozesse und geografischen Einflüsse nachzuverfolgen, die den Carbon Footprint maßgeblich bestimmen.

Diese Transparenz dient nicht nur der CO₂-Berechnung. Auch die Frage der Ressourcenknappheit – also wie lange bestimmte Materialien noch verfügbar sind und ob Kreislaufwirtschaftsoptionen existieren – hängt von derselben Transparenz ab. Gleiches gilt für die soziale Dimension: Arbeitsbedingungen und Beschaffungspraktiken hinter Materialien, die vor der Fertigung zahlreiche Länder, Minen und Verarbeitungsstufen durchlaufen.

Wo KI hilft – und wo nicht

Ein großer Teil der Arbeit von LCA-Expert:innen besteht darin, Positionen aus einer Stückliste den 'richtigen Einträgen' in Emissionsdatenbanken zuzuordnen. An der RWTH Aachen wird derzeit daran gearbeitet, genau diesen Schritt zu automatisieren. Die Arbeit der Forschungsgruppe von Dr. Backes bewegt sich dabei stärker im Bereich Machine Learning und Sprachmodelle als im klassischen Verständnis von KI. Wie sie im Podcast erklärte:

 

 

Ein zentraler Vorteil liegt dabei in der Konsistenz. Wenn zwei Analyst:innen dasselbe Modell auf dieselbe Stückliste anwenden, reduziert sich die Varianz, die durch individuelle Datenauswahl entsteht. Die fachliche Prüfung der Ergebnisse bleibt weiterhin essenziell, doch der repetitive Teil der Bewertung wird schneller und standardisierter.

Ein weiteres Einsatzfeld, das Dr. Jana Backes als besonders vielversprechend betrachtet, ist die Optimierung und Prognose zukünftiger Produktdesigns. Die heutige LCA-Praxis bewertet überwiegend den Status quo: Welchen Carbon Footprint hat ein bereits existierendes Produkt? Ein Modell, das zukünftige Designvarianten generieren und vergleichen kann – etwa wie sich Material-, Prozess- oder Standortänderungen gleichzeitig auf Carbon Footprint, Kosten und soziale Auswirkungen auswirken –, würde LCA von einem reinen Messinstrument zu einem echten Entscheidungswerkzeug machen. Diese Forschung befindet sich noch in einem frühen Stadium, ist aber die Richtung, in die sich ihre Forschungsgruppe entwickelt.

Reale Lieferketten lassen sich nur schwer in saubere numerische Modelle übersetzen. Jede Datenlücke erfordert eine Annahme, und diese Annahmen summieren sich über komplexe Stücklisten hinweg. Genau hier spielt Machine Learning seine Stärke aus: Musterbasierte Entscheidungen konsistent zu treffen und gleichzeitig zu markieren, wenn ein Fall außerhalb dessen liegt, was das Modell erkennt.

Standardisierung ist der Schlüssel zur Vergleichbarkeit 

Bisher dominiert CO₂e (der Carbon Footprint) die Nachhaltigkeitsberichterstattung, weil die Datenverfügbarkeit am höchsten und der regulatorische Druck am größten ist. Dr. Jana Backes erwartet, dass sich dies ändern wird – oder genauer gesagt, dass weitere Nachhaltigkeitsindikatoren hinzukommen werden.

Sie zieht dabei einen interessanten historischen Vergleich: Das Ozonloch stellte einst eine ähnlich globale Nachhaltigkeitsherausforderung dar. Politik und Industrie benötigten Jahrzehnte, um geeignete Lösungen zu etablieren. Heute gilt das Problem weitgehend als kontrollierbar. CO₂ und der Klimawandel folgen laut Dr. Backes einer ähnlichen Entwicklung. Die Kennzahlen, die die nächste Phase dominieren werden, müssen dabei nicht dieselben sein wie heute. Biodiversität könnte beispielsweise künftig deutlich stärker in den Fokus rücken. 

Die langfristige Erwartung von Dr. Backes an die nächste Generation von Ingenieur:innen ist, Nachhaltigkeit über alle drei Säulen hinweg zu betrachten – ökologisch, ökonomisch und sozial – anstatt sie auf eine einzelne Kennzahl zu reduzieren. Zusätzlich bringt sie eine vierte Dimension ins Spiel: technische Qualität, verstanden als Produktlebensdauer und Langlebigkeit. Diese besitze ihre eigene Nachhaltigkeitslogik und dürfe nicht getrennt von ökologischen und wirtschaftlichen Zielkonflikten betrachtet werden. 

Die Lösung für die bestehenden Abweichungen liegt dabei nicht in noch mehr Kennzahlen, sondern in klareren Regeln. „Das Schlüsselwort ist Standardisierung“, sagte Dr. Backes, „insbesondere aus industrieller und anwendungsbezogener Perspektive.“ 

Frameworks wie die Environmental Product Declaration (EPD) und der Product Environmental Footprint (PEF) bauen zwar auf ISO 14040 auf, definieren jedoch deutlich mehr Variablen verbindlich. Dadurch werden Vergleiche zwischen Unternehmen erstmals wirklich aussagekräftig. CBAM überträgt diese Logik nun zunehmend auf globale Lieferketten. Hersteller außerhalb Europas werden europäische Regeln voraussichtlich übernehmen müssen, weil die Kosten inkonsistenter Standards entlang globaler Lieferketten höher sind als die Kosten der Compliance. 

Für Cost Engineers, Einkaufsleiter:innen und CFOs in der Fertigungsindustrie bedeutet das praktisch Folgendes: Die CO₂-Kennzahl im Report ist nicht die finale Antwort. Sie ist das Ergebnis einer Methodik, die verstanden, hinterfragt und zunehmend in jede Kostenentscheidung integriert werden muss.

Das vollständige Gespräch anhören

Dieser Artikel basiert auf einem ausführlicheren Gespräch zwischen Jakob Etzel, VP Customer Success bei Tset, und Prof. Dr. Jana Backes im Beyond Cost Podcast. 

Hören Sie die vollständige Episode, um mehr darüber zu erfahren, wie Dr. Jana Backes ihren Engineering-Studierenden beibringt, jede veröffentlichte Kennzahl kritisch zu hinterfragen, welche EU-Regulierung sie morgen vereinfachen würde und was ihrer Meinung nach jeder CFO eines Fertigungsunternehmens diese Woche tun sollte, um Emissionskosten ernst zu nehmen.

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